Kajo Lang

1. Vorsitzender des Kunstvereins Baden-Baden e.V.
Schriftsteller und Dozent für Literatur


Kajo Lang (mit seinem Mops Tüddel)
www.kajolang.de

Zeit Gedanken
Zeit zu lieben.
Zeit zu leben.
Die Voraussetzung für Zeit ist Leben. Nur wer lebt, kann
Zeit bemessen, empfinden.
Zeit ist virtuelle Taktung, eine Gleichung, die für alle
gilt. Auf die Formel gebracht: t. In Zeitzonen unterteilt
schrillen morgens die Wecker, stehen wir auf, gehen zur
Arbeit, wo wir pünktlich erscheinen.
Zeit bedrängt unser Tun.
Wer nicht rechtzeitig die Haltestelle erreicht, dem fährt
der Bus vor der Nase weg. 7 Uhr 11, auf die Minute
genau. Eine Minute Zeit zum einsteigen, Platz nehmen,
schon ruckelt der Bus.
Fahrplanmäßig steigen wir aus, hetzen zur Arbeit.
Dort fragt jemand: Hast du das noch nicht
fertig? Dann wird es aber Zeit.
Frühstück, Mittagspause, die Zeit zieht sich.
In Zeiten wie diesen. Feierabend, schnell, denn
die Geschäfte schließen, hetzen wir zum Einkauf.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Im freien Spiel der Kräfte des Marktes ist Zeit
nicht nur eine physikalische Größe, sondern
Grundlage für Gewinn und Verlust. Time is money.
As time goes by, Stoßzeiten,
Zeit der Liebe, er kommt zu früh, sie zu spät,
lebenszeitliche Bemessung bis ins Intime, wo
neben den Matratzen Wecker ticken.
Frühling heißt Jugend, in der Blüte des Lebens,
Herbst des Lebens, jede Hüfte wird mal lahm. Das Leben
ein ewiges Rennen mit der Zeit, gegen die Zeit,
seit Urzeiten und in alle Ewigkeit.
Wo selbst Gott das Zifferblatt braucht
als Vergleich, um aufzuzeigen, im Himmel
endet Leben niemals.
Wer stirbt geht zu Gott, als Absicherung
gedacht für die Zeit danach,
ins Unendliche, wo es keine Uhren
gibt, weder Zeit noch Raum.
Zeit als Symbol für Reife, aber
auch Verfall. Etikettenschwindel,
verfallene Ware, abgelaufene Produkte.
Im Kern ist der Reifegrad
überschritten, die Ware wegzuwerfen.
Wie eine Uhr, die kaputt ist, die
nichts mehr taugt. Wie eine Zeitung von gestern,
ein Lied, das den Zeitgeist nicht trifft,
ein Kleid, das die Mode verschmäht,
Schuhe, die
nun wirklich nicht gehen.
Wir müssen uns Zeit nehmen,
um zu begreifen, dass sie in allem
steckt. Im Sport, in der Politik, der Kultur.
Die Ebenen der Zeit sind unermesslich.
Die Rettung kam in letzter Sekunde.
Der Sekundeninfarkt nahm ihm das Leben. Sie
kam zu spät. Was hatte sie ihm noch alles
sagen wollen? Sterbende dulden keinen Aufschub.
Verpasst.
Verpasste Chance.
Es gibt kein zweites Mal. Wer
Tore schießt zur falschen Zeit,
gewinnt kein Spiel. Nur wer
schneller als die Gegner rennt,
erringt Ruhm. Für die Ewigkeit. Niemand
war jemals schneller. Ist gerannt gegen die Uhr.
Schnellster Läufer aller Zeiten.
Zeit ist eine Metapher. Obwohl
als Chancengleichheit für alle gedacht,
eine Bemessungsgrundlage von
Allgemeingültigkeit zu haben, bleibt sie subjektiv.
Der Frau reichen zwei Stunden
bei IKEA
nicht aus. Der Mann empfindet
diese Zeit als gefühlte Zeit
von acht Stunden.
Zeit des Umbruchs,
des Aufbruchs und der Zeitenwende. Hitlerzeit, Zeitalter,
Mittelalter, Altertum.
Zeit der Besinnung und Besinnlichkeit.
Sinn der Zeit, um Unsinn zu verhindern.
Es war an der Zeit. Hochzeit.
Zeit ihres Lebens. Und wenn sie nicht
gestorben sind. Zeitgemäß
zeitigten sie beizeiten das Zeitliche, wodurch
sie zeitlich eng
die Zeitenwende überdauerten.
Jede Zeit hat ihre Normen. Ihre
Erfindungen, Größen,
Katastrophen, Umbrüche und
Geschichten. Von der Steinzeit bis zur globalen Zeit.
Zeit ist eine Erfindung
von Menschen für Menschen.
Zeit ist Macht. Zeit heilt Wunden. Wer
keine Zeit hat, den macht sie
krank. Man kann Zeit
physikalisch beweisen, was allzu menschlich ist.
Zumal Zeit eine Größe
ist, eine Raumordnung gegen
das Chaos, jene Unvorhersehbarkeit gegen
das Ungefähre. Zeit ist Einordnung für etwas,
dass es nicht gibt – außer diesem Zeitpunkt.
Niemand kann Zeit
schmecken, riechen, fühlen. Die Auswirkungen
von Zeit aber sind sichtbar,
erlebbar, fühlbar, unmittelbar spürbar.
Zeit
rinnt durch Finger. Läuft
einem davon. Schreitet
voran. Sagt
einem nichts. Ist grandios!
Das alles ist unsere Lebenszeit.
Der Zeit zu lachen und
zu streiten, zu spüren und zu hören.
Soviel gesagt,
soviel vergessen, und doch
genug, um Ihnen in der Zwischenzeit
ein bisschen Zeit zu schenken.
Für die Zeit zu lieben.
Für die Zeit zu leben.

(vorgetragen anlässlich der Vernissage zum Thema Zeit am 27.05.2011)