Rede zum 30-jährigen Bestehen des Kunstvereins Baden-Baden e.V.
von Kajo Lang 1. Vorsitzender

Thema:
Über die Kunst.
Genauer, über die Kunst in Baden-Baden.
Und ganz genau, über die Kunst in Baden-Baden als Baden-Badener mit Kunst zu überleben.

Baden-Baden, Löwensaal, den 27.05.2017

 

Baden-Baden steht für Glamour, Exklusivität. Baden-Baden hat das Flair der Außergewöhnlichkeit.
Nach Baden-Baden kommen sie alle. Ob Clinton, Obama, Putin, Schröder, Kohl, Merkel, Schulz? (war der schon da?) Nelson Mandela, Frieda Burda, ob NATO, Rückversicherer oder G20-Finanzminister. Baden-Baden steht für Sonnenschein und Geld. Hier lässt es sich leben, vorzugsweise dann besonders gut, wenn man von Letzterem etwas mehr besitzt.

In Baden-Baden sind die Großen der Großen zu Hause: Anna Netrebko, Bryan Ferry, Chris de Burgh, Anna-Sophie Mutter, David Garret und bringen uns die Werke der Musikwelt. Filmschaffende, Schauspieler, Regisseure, dazu weltberühmte Maler mit weltberühmten Bildern. Hier in Baden-Baden gibt sich die Weltelite aus allen Kunstsparten ein Stell-dich-ein.

Das Credo in Sachen Kunst und Künste könnte lauten:
Wenn die Welt der Körper ist, dann ist Baden-Baden die Seele.

Dumm nur, wenn man ausschließlich in der Seele lebt. Das nennt man Pech. Die roten Teppiche werden gebraucht für die An- und Abreisenden dieser Welt. Im Goldenen Buch der Stadt steht alle Welt, doch kaum einer aus dem Briegelacker. Für ausländischen Besuch werden kurzerhand Plätze asphaltiert und Gullideckel verschweißt. Doch wer aus Baden-Baden stammt, hier lebt und auch noch Kunst betreibt, also bitte – ein Aschenputtel muss es nunmal geben.

Gut, zugegeben, man bemüht sich, wie Willy Brandt es einmal ausdrückte. Immerhin, die heimische Kunst ist der Stadt was wert. Genauer gesagt: 2.000 Euro. Soviel will die Stadt berappen. Für einen Tag der offenen Ateliers. Achja, die Hinweise, wo die offenen Ateliers zu finden sind – das müssen die Künstler schon selbst berappen. Das kann man doch wohl verlangen, oder?

Zugegeben, kleine dimensionale Unterschiede muss es halt geben.

Beispiel gefällig?

Während die Stadt Baden-Baden in Sachen Festspielhaus im Jahr 2020 knapp 12,8 Millionen Euro und bis 2024 weitere 19 Millionen für Instandhaltungsarbeiten, also rund 30 Millionen wird aufbieten müssen, sieht es für ortsansässige Künstler nicht ganz so rosig aus.
Von den fünf in der Stadt operierenden Kunstvereinen erhält einer zwar städtische Zuwendungen im Wert von über 20.000 Euro jährlich. Und das seit nunmehr 50 Jahren. Der Rest der Kunstvereine geht leer aus – also weitestgehend.

Wollen wir fair sein – der Kunstverein hat auch schon mal Geld von der Stadtverwaltung erhalten. Tatsächlich. Konkret erhielt der Kunstverein Baden-Baden in 30 Jahren Existenz 250 Euro städtischen Zuschuss. Sie glauben sich verhört zu haben? Nein, nein, es waren nicht 250 Millionen, es waren glatte 250 Euro. Immerhin, zumal die Beantragungszeit und der bürokratische Aufwand drei Jahre in Anspruch nahmen.

Interessant sind ja immer wieder Zahlenspiele: Ich habe da eins für Sie. Wenn der Kunstverein in 30 Jahren 250 Euro Zuschuss bekommen hat, ergibt dies einen jährlichen Zuschuss von 8,33 Euro. Gemessen nun daran, dass der Verein über 100 Mitglieder hat, ergibt dies eine Bezuschussung seitens der Stadt für jeden einzelnen Künstler von 8 Cent – pro Jahr. Immer und immer wieder. 8 Cent. Wow!

Apropos Bezuschussung: Es drängt sich mir der Eindruck auf, dass es eigentlich umgekehrt ist. Also weniger, dass die Künstler Zuschuss erhalten, sondern mehr die Künstler die Stadt alimentieren. Nein, diese Behauptung ist falsch. Denn es muss genau lauten: Die Stadt lässt sich bezahlen.
Von den Jahresbeiträgen, die der Kunstverein Baden-Baden von seinen Mitgliedern erhebt, muss der Verein zwei Drittel allein für Mieten für städtische Ausstellungsräume und -plätze berappen – alles an die Stadt. Nichts für die Kunst, möchte man sagen. Aber das wäre vermessen, angesichts der Größen dieser Welt, die die verarmten Künstler Baden-Badens bestaunen dürfen.

Ich sage es ganz offen: Es ist schwer in dieser Stadt als Künstler wahrgenommen, wertgeschätzt zu werden. Natürlich maßt sich niemand an, sich gleichsetzen zu wollen mit Richter, Polke oder sonst wem.

Nur gibt es zwei Punkte, die mir dazu auffielen. Zum einen, wie machen das kleinere Orte wie Muggensturm, Malsch, Bühl? Dort, wo es selten Stars und Sternchen gibt. Als ich mich dort erkundigte, war ich reichlich verwirrt: Die hiesigen Künstler werden unterstützt! Sie bekommen Geld. Sie zahlen keine Mieten.

Zum anderen, in Bezug auf Baden-Baden: Wo kommt das Geld her, also für die Großen dieser Welt? Wer finanziert den laufenden Betrieb Baden-Badens, wenn mal gerade kein roter Teppich ausgerollt herumliegt? Wer bezahlt den roten Teppich, rollt ihn aus, rollt ihn ein, hält ihn sauber für die nächste Ausrollung?

Die Antwort verblüfft. Wir. Wir alle finanzieren Baden-Badens Glamour. Und damit meine ich eben auch die Künstler und Künstlerinnen Baden-Badens. Um dies mit einem Bild auszudrücken – wir sind die Graswurzeln, auf dem der rote Teppich erst ausgerollt werden kann. Wir zahlen und finanzieren das alles.

Donald Trump, der Erwecker niederer Instinkte, stahl den einprägsamen Satz: America First!

Vielleicht könnten die gewählten Vertreter und Vertreterinnen der Stadt sich einmal dieses Satzes annehmen.
Aber wie das oft so ist – mit der Umsetzung einer Übersetzung klappt es nicht immer. „America First“ ist ja auch so ein verdammt komplizierter Zungenbrecher. So bleibt es vermutlich wie es immer war – der Künstler als Hungerkünstler, diese romantische Vorstellung als Baden-Badener Realität.

Dabei gäbe es Möglichkeiten, durchaus. Links vom Burda-Museum ist noch Platz. Für ein weiteres Museum, das ausschließlich Künstlern aus Baden-Baden vorbehalten wäre. Ein städtisches Zuhause für Kunst aus dieser Stadt. Ein zeitgeschichtliches Monument hiesiger Schaffenskraft. Oder ein Skulpturen-Park rechts vom Festspielhaus, das den Namen Henry-Stegemann-Park tragen könnte. Dazu Stipendien und Förderungen für Einheimische. Warum nicht eine Kunstakademie? Oder Bauzäune, von leibhaftigen Baden-Badener Kindern kunterbunt bemalt?

Die Auffassung, der Künstler lebe von Luft und Liebe allein, wird wohl herhalten müssen, sozusagen als Zustandsbeschreibung und reserviert für die Künstler dieser Stadt.

Kunst ist die Vorstufe zur Kultur. Wer Kunst ignoriert, muss sich Sorgen um die Zukunft machen.

Um den Satz von eben noch einmal aufzugreifen: Wenn die Welt der Körper ist, dann ist Baden-Baden die Seele. Doch als Seele allein lässt sich keine Kunst machen. Die Seele braucht den Körper und umgekehrt. Lassen Sie uns hoffen, dass wir in Zukunft der Seele ein bisschen Körper gönnen. Damit die Kunst Baden-Baden überlebt.


* Hinweis: Das gesamte zu Grunde liegende Zahlenmaterial stammt von der Stadt Baden-Baden.